Chemoschwestern

Gestern habe ich wieder eine Ladung Krieger bekommen (Chemo). Nun ist mir erst mal schlecht.
Heute ging mir der Begriff „Chemoschwester“ durch den Kopf. Nicole hatte ihn zu einem Kommentar über die Pickelbildung durch die Chemo benuzt.
Erst störte mich der Begriff – ich wollte nicht in so eine „Community“ geraten. Nun sass ich gestern in der Praxis im „Chemoraum“. 4 Frauen hingen an unterschiedlichen Flaschen. 2 hatten Haare, 2 keine. Die jüngste – ca. 30 – grinste mich an, 2 lasen und die andere schmuzelte mir aufmunternd zu: das Eis war gebrochen. Eigentlich wollte ich schlafen und hatte mir auch ganz fest vorgenommen, nicht so viel zu quatschen, da ich bei mir bleiben sollte …
Aber: Wir tauschten uns die ganze Zeit aus. Die Jüngste blieb die ganze Zeit, die anderen gingen und Neue kamen. Alle waren sehr aufgeschlossen und erzählten von ihren Therapieen und den Nebenwirkungen. Das tat gut. So konnte ich Nebenwirkungen bei mir gleich einordnen und Vorkehrungen treffen. Tja – das sind also „Chemoschwestern“. Nun verstehe ich das.
Es gibt zwei – zwar zeitlich begrenzte – aber sehr intensive Gemeinsamkeiten unter uns:
der Krebs und die Chemo.

Advertisements

Familien-Krebs-Stigma?

Es gibt viele Gemeinsamkeiten in der Geschichte meiner Familie, was die Krebserkranken anbetrifft:

Mein Opa mütterlicherseits hat im Krieg sehr gelitten. Er war ein ostpreussischer Offizier – extrem auf Gehorsam trainiert. Er hat Stalingrad überlebt. Er kam wieder und das einzige, was der über deb Krieg erzählt hat, war, dass er nie wieder jemandem gehorchen will und wird. Er war das erste mal frei. 2 Monate später erkrankte er an Krebs. 1 Jahr später war er tot. Mit ca. 45 Jahren.

Tante Ille (Opas Schwester). Sie hat im Krieg wohl einiges über sich ergehen lassen müssen und hatte eine sehr harte Zeit. Dann hat sie ein paar Jahre einen reichen Russen gepflegt – er starb und vererbte ihr seine Villa an der Krummen Lanke in Berlin. Sie war reich und frei und lebenslustig. 2 Jahre später starb sie an Krebs. Mit knapp 50.

Mamis erste Krebsdiagnose kam 3 Monate nachdem ich ausgezogen war – Nachdem sie und Peter das erste mal ungebunden von der Verantwortung zu Ellen und mir waren. Ihre 4. Krebsdiagnose, die halsbrecherisch war (aus der sie quasi nicht mehr herauskam), kam 2 Tage nach der Feier der Frühpensionierung – nachdem sie mehrere Krebsdiagnosen erfolgreich bekämpft hatte – und wieder nicht richtig frei mit Peter sein konnte. Sie hat Omi noch sehr betreut und kaum war Omi tot, wurde die Krankheit schlimmer.
Sie starb einen Monat nach Einsetzen von Peters Frühpension – jetzt hätten sie zusammen endlich Zeit gehabt.

Nun ich:
Mit 8 stellte man eine Nierenerkrankung fest. Die Folge: 1 Monat Krankenhaus und das ganze Jahr über musste ich jedes Wochenende ins Krankenhaus. Dazu durfte ich ein Jahr lang nicht schwimmen. Danach wurde ich Leistungsschwimmerin. Mit 15 dann die nächste Diagnose: Epilepsie. Ich habe mich nie unterkriegen lassen. Auch nicht nach all dem anderen Mist, der mir in meinem Leben passiert ist. Ich war immer extrem fleissig und habe mich hochgearbeitet. Als ich endlich glücklich verheiratet war, 2 tolle gesunde Kinder hatte, keine Geldsorgen, gutaussehend, anerkannt – da kam der Zusammenbruch – Unterstützt von der Überdosierung eines lähmenden Antiepileptika.
Kaum hatte ich dies erfolgreich bekämpft: Da stirbt meine Mutter und bei mir wird Brustkrebs diagnostiziert. Amputation, Chemo ..Das ist gemein!

Ist das ein Famlienstigma gegen Freiheit?
Was soll ich tun?

Port, 1. Chemo und Muttertag

Am 5. Mai wurde mir der Port einoperiert. Und am 6. Mai bekam ich meine erste Chemo. All dies wurde begleitet von wilden Emotionen. Ich denke, ich habe den Tod von Mami permanent vor mir hergeschoben und dann kommt natürlich die Ungeduld hinzu. Die Ungeduld kurz vor einem neuen Zwischenziel (hier: Port und erste Chemo).

Die Chemo hat mich sehr gebeutelt. 3 Tage hab ich sie in allen Zellen gemerkt. Dann ging es wieder. Das war an Mette’s Konfirmation. Muttertag. Der 10. Mai. Ellen (meine Schwester) hatte einen Margaritenbaum auf das Grab von Mami gepflanzt. Wir haben ihr immer einen Margaritenbaum zum Muttertag geschenkt.
Es war eigentlich Mamis Ziel, Mette’s Konfirmation noch zu erleben. In der Nacht vor der Konfirmation gab es einen Orkan und Ellen hatte grosse Angst, dass wir nicht im Garten feiern können… Aber: am Sonntag morgen schien die Sonne mit voller Kraft und Peter, Ellen, Mette und ich hatten ohne Absprache den selben Gedanken: Mami ist da und hat für das gute Wetter gesorgt! Mette war die erste die dies sogar in ihrer Konfirmationsrede aussprach und wir nickten uns dann schweigend zu.
Nach der Feier ging ich auf den Friedhof – das erste mal nach der Beerdigung. Ich saß am Grab und habe Mami alles erzählt. Dann habe ich ihr gedankt, dass sie für das Wetter gesorgt hat. In dem Moment flogen 2 weiße Tauben hoch. Ich habe noch nie richtig weiße Tauben in freier Natur fliegen sehen und schon gar nicht in Plön, da gibt es eigentlich nur Möwen.
Also: Mami war da!